13.11.2017 von Delia Imboden

„Fiktion ist absolut nicht das Gegenteil des Wirklichen“

Auflösung von Autorschaft, Spiel mit Identitäten, keine Kontrolle über den Text. So könnte das Credo von AJAR, einem 20-köpfigen Autorenkollektiv aus der Westschweiz, lauten. Am vergangenen Freitagabend war AJAR Gast am Literaturfestival BuchBasel.

3 leere Stühle stehen auf der Bühne, dahinter eine weisse Leinwand. Mein Blick schweift durch den Raum, immer wieder trifft er auf eine Radspeiche, eine Fahrradklingel oder einen Fahrradhelm. Doch für einmal stehen in der Basler Velowerkstatt OBST&GEMÜSE nicht Fahrräder im Mittelpunkt, sondern eine Frau Namens Esther Montandon und ihr aufsehenerregender Debütroman „Unter diesen Linden“ (Lenos 2017). Also zumindest irgendwie. Denn eigentlich ist Esther Montandon gar nicht real, der Roman „Unter diesen Linden“ (Lenos 2017) jedoch schon, halte ich ihn doch in meinen Händen. Gerade rezitieren vier Frauen und zwei Männer auf der Bühne die Autobiografie von Esther Montandon in einem mehrstimmigen deutsch- und französischsprachigen Chor. Also wie jetzt? Wer ist denn nun diese Frau Montandon?

Esther Montandon, eine vermeintlich vergessene Grande Dame der Westschweizer Literatur, wurde für ein ungewohntes Kunstprojekt erfunden. Dahinter steht das 20-köpfige Autorenkollektiv AJAR, die auch Esther Montandons vermeintlichen Roman „Unter den Linden“ geschrieben haben. Mittlerweile schreitet die Performance voran, sechs Autorinnen und Autoren des Kollektives sitzen nun an einem grossen Tisch mitten auf der Bühne, ein Worddokument ploppt auf und ran geht es an die Arbeit. Eine Autorin schreibt ein paar Sätze, dann kommt der nächste Autor zum Zug, löscht, korrigiert, schreibt um, fügt hinzu, immer weiter entwickelt sich das Geschriebene, bis er sich schliesslich als völlig neuer Text präsentiert, als Resultat dieses mehrstimmig-einstimmigen Schreibens. „Mit dieser Performance wollen wir auch unseren Arbeitsprozess aufzeigen“, erklärt AJAR.

Die in der ganzen Romandie verstreuten Autorinnen und Autoren schreiben an ihren Texten in Fragmenten, die sie in der gemeinsamen Dropbox teilen oder direkt bei einem Treffen gemeinsam besprechen. „So verliert man mit der Zeit an Kontrolle am eigenen Text, die eigene Individualität wird aufgelöst“, erklärt AJAR das Gefühl des gemeinsamen Schreibens. Es ist besonders die Lust am Ungewohnten, die Vielfältigkeit und die Auflösung der Autorschaft, die das Kollektiv, welches 2011 gegründet wurde, an dieser Art des gemeinsamen Schreiben reizt. Anstrengend sei das manchmal schon auch, meint AJAR, dennoch wird durch das gemeinsame Kreieren auch sehr viel Energie freigesetzt. „Doch pro Projekt, dass wir realisieren, gibt es immer ein Duo, das die Hauptverantwortung übernimmt.“ So wird Ordnung in das scheinbare Chaos gebracht. „Dennoch gibt es uns immer nur mindestens im Doppelpack. Bei Gastauftritten oder Interviews sind wir immer mindestens zu zweit unterwegs. Wir schreiben eine Mail in die Runde, und die Autorinnen und Autoren, die an dem Datum der Performance frei sind, können sich melden.“ Das Honorar wird dann jeweils unter den an der Performance beteiligten Autorinnen und Autoren aufgeteilt, obwohl ja eigentlich viel mehr jeweils an der Entstehung eines Textes beteiligt sind. „Vertrauen, Respekt und Freundschaft sind die Grundlage für unser kollektives Arbeiten“, betont AJAR.

Im zweiten Teil der Performance wird auch der Übersetzungsprozess des französischen Originaltitels «Vivre près des tilleuls» ins Deutsche thematisiert. Es war keine Absicht, aber ein schöner Zufall, dass die Übersetzung des ersten Buchs von AJAR auch von einem Duo, Hilde und Rolf Fieguth, und nicht einem einzigen Übersetzer*in bewerkstelligt wurde. Eine AJAR Autorin und eine AJAR Autor tragen nun wunderbar simultan die deutsche und die französische Version eines Textabschnitts vor. Eine erfrischende Doppellesung entsteht, man ist hin und her gerissen zwischen beiden Sprachen und lauscht mal dort, mal hier, versucht dort Worte aufzugreifen und zu verstehen, und lässt sich schliesslich von diesem Sprachengemisch einlullen. „Bestimmt war unsere Form des kollektiven Schreibens auch ein Hauptgrund, warum unser Buch auch ins Deutsche übersetzt wurde“, meint AJAR, die sich sehr darüber freuen, schliesslich ist es nicht gerade einfach als Westschweizer Autor oder Autorin ins Deutsche übersetzt zu werden.

Zu letzt darf das Publikum Fragen stellen. Die sechs Autorinnen und Autoren sitzen mit je einer Zeitung am grossen Tisch auf der Bühne. Schnell wird klar, Fragen werden hier keine so richtig beantwortet, Antworten gibt es aber trotzdem. Eine Frage wird gestellt, eine Antwort, ob passend oder nicht, aus den vorher präparierten Zeitungen vorgelesen. Nach und nach erhält das Publikum einen Einblick in das Arbeiten des französischsprachigen Kollektivs. Eine letzte Frage aus dem Publikum, das lachend und fasziniert mitspielt, dann liest jemand aus der Zeitung vor und hört nicht mehr auf; jemand zweites steigt ein, liest ebenfalls. Gregor Syzndler bringt diesen Prozess in einer Kritik des Literarischen Monats auf den Punkt „Die Frage ist: was für ein Text? Ist es ein eigener? Ist es der Text eines anderen? Und grundsätzlicher: wer liest hier überhaupt?“ Zum Schluss lesen alle simultan aus ihren Zeitungen vor, geben Antworten, es entsteht ein Stimmengewirr, und faszinierender Weise gleichzeitig eine Stimme: Die des Kollektivs AJAR, das sich eine Freude daraus macht, Fakt und Fiktion lustvolll, klug und doppelbödig zu vermischen.